Mehr hilft mehr – diese Devise muss nicht immer stimmen. Zumindest scheint das so für die „Couch-Potatoes“ nicht zu stimmen. „Couch-Potatoes“ ist englisch und bezeichnet Leute, die, ähnlich wie die Kartoffeln im Acker verwurzelt sind, sich selbst gerne auf einer bequemen Couch verwurzelt sehen. Die Devise für viele dieser Menschen lautet dann auch: „Sport ist Mord“.

So: jetzt aber weg von den Klischees. Die „neue“ frohe Botschaft ist in der Lage, diese Menschen von diesen „Mordgedanken“ zu befreien: Jeden Tag nur eine halbe Stunde Leibesübungen und es bestehen gute Aussichten, mehr als 25 Prozent des momentanen Körpergewichts zu verlieren. Eine ganze Stunde Training ist nämlich nicht effektiver, als diese regelmäßige halbe Stunde.

Entsprechende Tests haben gezeigt, dass die Halbierung der sonst üblichen Trainingszeiten besonders segensreich für Übergewichtige ist, was die Chancen einer Gewichtsabnahme erhöht. Für die Laune der Trainierenden zeigte sich die verkürzte Trainingszeit ebenfalls als motivierender. Am Ende waren die Teilnehmer vitaler und besser motiviert, einen gesünderen Lebensstil zu akzeptieren. Die Teilnehmer, die doppelt so lange in den Übungshallen verweilen mussten, waren am Ende wie ausgebrannt. Zu diesem Ergebnis kamen Forscher der Universität in Kopenhagen (Compliance with physical exercise: Using a multidisciplinary approach within a dose-dependent exercise study of moderately overweight men).

An dieser Studie nahmen 61 mäßig übergewichtige, junge Männer mit sitzender Tätigkeit teil. Die Forscher wollten herausfinden, ob verschiedene „Dosierungen“ von Ausdauertraining sich auf das Gesundheitsverhalten und die Motivation dieser Teilnehmer auswirken würde. Dazu wurden die Teilnehmer in drei Gruppen aufgeteilt: eine Kontrollgruppe ohne Ausdauerübungen, eine Gruppe mit mittelmäßig intensivem Ausdauertraining (MOD; 300 Kcal/Tag – eine halbe Stunde tägliches Training) und eine Gruppe mit hohem Intensitätsgrad (HIGH; 600 Kcal/Tag – eine Stunde tägliches Training). Die Beobachtungszeit lag bei 12 Wochen.

Als Resultat zeigte sich, dass die MOD-Gruppe eine Compliance von 95 Prozent zeigte. Das heißt, dass 95 Prozent der Gruppenteilnehmer am Ende der Studie weiterhin die Ausdauerübungen durchführte und bejahte. In der HIGH-Gruppe dagegen lag die Compliance nur bei 83 Prozent. Dazu kam, dass die unterschiedliche Intensität der Übungen praktisch in gleichem Maße eine Reihe von metabolischen Parametern bei den Teilnehmern beider Gruppen verbesserte. Die MOD-Gruppe zeigte nach Studienende keine Ermüdungserscheinungen und fühlte sich fit und vitalisiert. Dementsprechend positiv war die Reaktion auf das Training. Die HIGH-Gruppe dagegen zeigte Zeichen von Ermüdung und war dementsprechend negativ eingestellt. Die Teilnehmer fanden das Training als „Zeitverschwendung“. Die MOD-Gruppe beschrieb sich als energetischer im Vergleich zu der Zeit vor der Studie. Deshalb hatten die Teilnehmer das Level von körperlichen Aktivitäten im täglichen Leben auch in Bereichen erhöht, die mit der Studie direkt nichts zu tun hatten. Dies mag auch mit ein Grund dafür sein, dass die Gewichtsabnahme in der MOD-Gruppe im Durchschnitt ein Kilogramm höher ausfiel als in der HIGH-Gruppe.

Die federführenden Forscher der Studie, Professoren Bente Stallknecht und Astrid Jespersen, zeigten sich überrascht über diese nicht erwarteten Ergebnisse. Vor allem die Tatsache, dass weniger Training zu besseren Ergebnissen führt, widerspricht der bislang gehegten Logik. Hier zeigt sich, dass die Motivation für ein gutes Training eine ebenso große Rolle spielt wie das Training selbst.

Die Männer mit dem einstündigen täglichen Training dagegen zeigten Ermüdungserscheinungen und fühlten sich demotiviert. Diese Demotivation
ist dann als Grund anzusehen, warum die Teilnehmer dieser Gruppe auch im täglichen Leben keinen Grund sehen, ihren „gemütlichen“ aber zerstörerischen Lebensstil zu ändern.

Prof. Jespersen kommentierte diese Ergebnisse so, dass das komplexe Thema „Übergewicht“ durch verschiedene Disziplinen abgedeckt werden muss. Die Forschung in diesem Bereich muss einen holistischen Charakter haben, um der Komplexität des Gegenstandes gerecht zu werden.

Kein Wunder also, wenn seit Jahrzehnten nicht nur die einschlägigen Diätprogramme versagt haben, sondern auch die „Trimm-Dich“, „Halt-Dich-fit“ und so weiter Programme gescheitert sind. Für die dänischen Professoren liegt der Grund in der Unfähigkeit, die Signifikanz von Psychologie des Trainierenden, Kultur und sozialen Strukturen mit in das Programm einzubeziehen.

Oder mit anderen Worten: Diese Fitnessprogramme sind größtenteils (vor allem für Einsteiger) zu lang, zum Sterben langweilig, demotivierend und unangepasst auf die persönlichen Bedürfnisse, sodass der Misserfolg schon vor dem ersten Hanteltraining gesichert ist. Die hier vermittelte Motivation besteht in der Regel oftmals aus abstrakten Appellen an die eigene Gesundheit, beziehungsweise aus Drohungen, dass es einem in der Zukunft ganz schlecht gehen wird, wenn man nichts rechtzeitig für sich tut. Solche „Motivierungseinheiten“ kennen wir ja schon von der Droh-Medizin aus der Ecke der Schulmedizin.

Gerade im Bereich der Fitnessstudios plädiere ich für eine umfassende Einweisung der Neu-Einsteiger. Der Erfolg ist meiner Erfahrung nach höher, wenn die Trainierenden mehr wissen. Einige Fitnessanlagen bieten hierzu Seminare (z.B. Fitness-Führerschein u.ä,) an. Und um den Punkt der Studie (siehe oben) nochmals aufzugreifen: Weniger Training ist mehr. Gerade am Anfang wenn die Motivation noch relativ hoch ist, wollen die Trainierenden „zu viel“ – und wundern sich dann, wenn sie auf Batterie laufen…