Tongkat Ali im Krafttraining – Substanz oder Supplement-Illusion?

Tongkat Ali Wurzel und Kapseln neben Mann beim Krafttraining mit Testosteron-Struktur im Hintergrund

Der Markt für Testosteron-Booster ist gigantisch. Voller Versprechen und auch einer Menge Vorher-Nachher-Bilder. Wer sich etwas länger im Kraftsport auskennt, kennt die Wellen.

Ich kenne diese seit den 80er Jahren: DHEA, Androstenedion, Prohormone — um nur mal bei den halbwegs legalen zu bleiben. Und nein: Verschreibungspflichtige Medikamente habe ich nie genommen und auch nicht „getestet“. Ich kenne aber nur zu gut diese Mittel und habe bei zahlreichen Athleten gesehen, was diese plötzlich bringen oder eben gar nichts.

Jetzt haben wir wieder mal Neues: Eurycoma longifolia, besser bekannt als Tongkat Ali oder Longjack.

Ist das nun das nächste Kapitel im Booster-Zirkus? Oder lohnt sich eine ernsthafte Betrachtung?

Was Tongkat Ali biochemisch interessant macht

Wenn man das Marketingsprech abzieht, bleiben einige Mechanismen übrig, die physiologisch plausibel sind.

Die wirksame Substanz in der Wurzel heißt Eurycomanon. Gute Extrakte sind darauf standardisiert. Schlechte Produkte enthalten davon kaum etwas. Das ist kein Detail, sondern entscheidend.

Diskutiert werden vor allem vier Wirkachsen:

  1. SHBG-Modulation
    Ein Teil des Testosterons ist im Blut an SHBG gebunden und biologisch inaktiv. Tongkat Ali scheint die Bindung zu beeinflussen, sodass der Anteil an freiem, aktivem Testosteron steigt.
  2. LH-Stimulation
    Es gibt Hinweise auf eine moderate Stimulation des luteinisierenden Hormons. Dieses steuert in den Leydig-Zellen der Hoden die Testosteronproduktion.
  3. Aromatase-Hemmung
    Eurycomanon könnte die Umwandlung von Testosteron in Estradiol leicht reduzieren. Gerade bei höherem Körperfettanteil ist diese Umwandlung relevant.
  4. Cortisol-Reduktion
    Einige Studien zeigen eine Senkung chronisch erhöhter Cortisolwerte. Und Cortisol ist kein Freund einer stabilen Androgenachse.

Das Entscheidende: Tongkat Ali wirkt nicht wie ein pharmakologischer Hammer; es übersteuert nicht, sondern „moduliert“ nur. Und genau deshalb sind die Effekte auch nicht spektakulär – sondern (ich sage mal) kontextabhängig.

Für wen es überhaupt relevant ist

Die Studienlage zeigt ein relativ klares Muster: Am ehesten profitieren Männer mit niedrigen oder grenzwertigen Testosteronwerten.

Bei jungen, gut trainierten Männern mit ohnehin hohen Werten passiert oft wenig. Das ist logisch. Ein regulatives System wird nicht weiter hochgefahren, wenn es bereits nahe der oberen Norm arbeitet.

Interessant wird es in folgenden Konstellationen:

  • Männer über 40 mit nachlassender Androgenlage
  • Diätphasen mit starkem Kaloriendefizit
  • chronischer beruflicher oder psychischer Stress
  • hoher Trainingsumfang mit unzureichender Regeneration

Gerade in Diätphasen sinkt Testosteron teilweise drastisch. Natural-Bodybuilder berichten nicht selten von Einbrüchen um 50 bis 70 Prozent in der Wettkampfvorbereitung. Hier kann ein modulierender Ansatz helfen, den Absturz etwas abzufedern.

Er ersetzt kein exogenes Testosteron. Aber er kann die Eigenproduktion stabilisieren.

Muskelaufbau: Erwartungen korrigieren

Wer glaubt, mit 300 Milligramm Tongkat Ali täglich fünf Kilogramm Muskelmasse aufzubauen, wird enttäuscht. Testosteron beeinflusst die Differenzierung pluripotenter Stammzellen in Richtung Muskel statt Fett. Es erhöht die Sensitivität von Fettzellen gegenüber Katecholaminen. Es verbessert die Trainingsanpassung. Das ist alles richtig.

Aber: Die durch Tongkat Ali induzierten Anstiege liegen weit unter dem, was eine Testosterontherapie oder anabole Steroide bewirken. Die Effekte sind moderat.

In Studien mit älteren, trainierenden Männern zeigten sich Verbesserungen bei freiem Testosteron und teilweise bei Kraftparametern. In Populationen mit normalen Ausgangswerten dagegen oft kaum Veränderungen.

Entscheidend bleibt das Training. Progressiver Widerstand, saubere Periodisierung, ausreichende Proteinzufuhr und Regeneration. Ohne diese Grundlagen bleibt jeder Booster Kosmetik.

Stress, Libido und Regeneration

Interessanterweise sind die Effekte bei Libido und Stressregulation oft deutlicher als beim Muskelzuwachs. Chronischer Stress erhöht Cortisol. Cortisol hemmt die HPG-Achse. Sinkt Cortisol, kann sich die Androgenlage stabilisieren.

Mehrere Studien berichten:

  • Reduktion von Speichelcortisol
  • Verbesserung subjektiver Stressparameter
  • Zunahme der Libido
  • Verbesserung der Spermienmotilität

Gerade Männer im mittleren Lebensalter profitieren hier möglicherweise stärker als ambitionierte Zwanzigjährige. Und man darf nicht vergessen: Testosteron ist nicht nur ein Muskelhormon. Es ist ein Leistungs-, Antriebs- und Libidohormon.

Qualität entscheidet

Ein Punkt, der im Supplement-Markt regelmäßig untergeht: Nicht jedes Produkt enthält das, was auf dem Etikett steht. Untersuchungen zeigen, dass ein erheblicher Teil der Tongkat-Ali-Produkte keinen ausreichenden Gehalt an Eurycomanon aufweist. Manche enthalten es auch gar nicht. Ich nenne lieber keine Markennamen – Abmahnungen drohen und darauf habe ich gar keinen Bock mehr.

Worauf man auf jeden Fall achten sollte:

  • Verwendung der Wurzel, nicht der gesamten Pflanze
  • Standardisierung auf Eurycomanon
  • transparente Analytik
  • seriöser Hersteller

Billigware ist hier oft tatsächlich wertlos.

Sicherheit und Dosierung

Die in Studien verwendeten Dosierungen liegen meist zwischen 200 und 400 Milligramm standardisiertem Extrakt täglich. In diesem Bereich gilt Tongkat Ali als gut verträglich. Toxische Effekte traten nur bei unrealistisch hohen Dosen auf. Das größere Risiko liegt eher in verunreinigten Produkten als in der Pflanze selbst.

Bevor man über Tongkat Ali nachdenkt, sollten die „Basics“ stimmen:

  • Körperfettanteil
  • Vitamin-D-Status
  • Zink- und Magnesiumversorgung
  • Schlafdauer und Schlafqualität
  • Insulinsensitivität
  • Trainingsbelastung und Regenerationsmanagement

Ein erhöhter Bauchumfang ist ein aktives Aromatase-Organ. Wer hier nicht ansetzt, braucht über Booster kaum nachzudenken. Ebenso wenig ersetzt ein Pflanzenextrakt chronischen Schlafmangel.

Fazit

Tongkat Ali ist kein Wundermittel. Es ist auch kein Ersatz für Testosterontherapie. Und es ist kein Shortcut zu außergewöhnlicher Muskelmasse. Aber: Es gehört zu den wenigen pflanzlichen Substanzen mit brauchbarer Humanstudienlage.

Bei Männern mit niedrigen oder grenzwertigen Werten, unter Stress oder in Diätphasen kann es sinnvoll sein, die Eigenregulation zu unterstützen. Der Effekt ist moderat, aber biologisch nachvollziehbar. Wer sauber trainiert, metabolisch gesund ist und realistische Erwartungen hat, kann es als ergänzenden Baustein betrachten. Wer Defizite mit Kapseln kompensieren will, wird enttäuscht.

Im Kraftsport gilt nach wie vor: Der Reiz setzt den Impuls. Die Ernährung liefert das Material. Die Regeneration ermöglicht Anpassung. Und alles, was diese Achsen stabilisiert, kann sinnvoll sein – mehr aber auch nicht.

 

Rene Gräber:

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