Beweglichkeit & Stretching: Mythen - Fakten und Erfahrungen
Beweglichkeit - Die völlig unterschätzte
Trainingskomponente
"Mit zunehmendem Alter muss der Mensch Beweglichkeitseinbußen der Wirbelsäule und der Gelenke,
insbesondere bei der Schulter und den Hüften, in Kauf nehmen." Das Glauben viele Menschen - auch Trainer, Ärzte
oder Physiotherapeuten. Und genau das halte ich für eine Katastrophe!
Beweglichkeit, Stretching, Dehnen, Mobilisierung. Es gibt viele Begriffe, die für Laien zwar alle eine Bedeutung
haben - leider oftmals völlig verschiedene.
Im Grunde genommen gibt es für mich nur fünf Begriffe der "Leistungsfähigkeit":
Alle anderen Begriffe sind in diese fünf Begriffe einzugliedern.
Und so streichen wir mal den Begriff "Stretching" - denn das Ziel des Stretchings ist vorrangig: eine
verbesserte Beweglichkeit.
Dehnungen? Ziel: verbesserte Beweglichkeit. (Ich weiß es gibt noch andere Grüne, aber letztlich kommen wir doch
wieder zur Beweglichkeit.)
Dabei mangelt es gar nicht an Forschungen, Studien und Untersuchungen. Und an Stretching-Büchern, DVDs etc. erst
recht nicht.
In der Forschung dreht sich das Gespräch um die Notwendigkeit der physiotherapeutischen von Dehn-
und Beweglichkeitsübungen, inwieweit das überhaupt sinnvoll ist und was es für die sportliche
Leistungsfähigkeit bringt.
In der Therapie haben einige Therapeuten durchaus die Erfahrung gemacht, dass bestimmte Übungen nicht
nur Entspannung mit sich bringen, sondern auch die geistige und körperliche Leistung und die allgemeine Gesundheit
verbessern.
Mit dem Beweglichkeitstraining wird im Körper ein relativ komplexer und physiologischer Vorgang des
Nerven-Muskelsystems in Gang gesetzt. Trotzdem sind die verschiedenen praxisorientierten Versuche in diesem Bereich
noch nicht genügend erforscht und empirisch untersucht und belegt - so meint man jedenfalls.
Schauen wir einmal in die Praxis: Zum Beispiel in die Fitnessstudios, wo mittlerweile
fast sieben Millionen Deutsche trainieren. In den meisten Fitnessstudios wird das
Beweglichkeitstraining extrem vernachlässigt (wenn man einmal davon absieht, dass viele Trainierende an den
Geräten eher ein Beweglichkeitstraining und Kraftausdauertraining, denn ein Krafttraining betreiben).
In der Krankengymnastik (Physiotherapie) gibt es so viele "Experimente" und Konzepte, die noch keine
Norm bestimmter Übungen für bestimmte Zielgruppen zulassen. Da spielt es eine große Rolle, ob man einem
Physiotherapeuten begegnet der in Manualtherapie, Osteopathie, E-Technik, Bobath, PNF, Maitland oder noch
einer anderen Technik ausgebildet wurde.
Und je nachdem erhält man so von fünf vermeintlichen "Experten" schon einmal fünf verschiedene Antworten. Es
können aber durchaus auch sieben verschiedene Antworten sein :-)
Die Wirkung verschiedener Dehn- und Beweglichkeitsübungen ist "allgemein" unbestritten - trotzdem ist
das Stretching wissenschaftlich ungenügend definiert. So streitet man in Forschungs- und Expertenkreisen darüber,
wie sinnvoll das Stretching überhaupt ist und wie es sich auf den Körper besonders im Muskel- und Bindegewebe
auswirkt.
Und dann stelle ich in der Praxis immer wieder etwas Erstaunliches fest: Obwohl sich fast alle darüber einig
sind, dass Beweglichkeit "wichtig" ist - Es wird kaum praktiziert oder von Trainern gefordert! Jedenfalls nicht für
diejenigen, die es besonders nötig hätten.
Klar ist jedenfalls, dass Sportler, die es für ihre jeweilige Disziplin brauchen immer schon gemacht haben:
Leichtathleten, Schwimmer, Turner um nur einige zu nennen.
Drehen wir uns doch mal im Kreis...
In der Praxis gibt es die verschiedensten Anwendungsmöglichkeiten und Empfehlungen, wie das "Grundtraining" zu
gestalten ist. Da hat jeder Physiotherapeut oder Trainer so sein "eigenes Ding".
In der Erforschung und der Theorie dagegen sieht es gar nicht so viel anders aus. Dort sind die
Befunde und Theorien ebenso widersprüchlich und unübersichtlich, vor allem was den eigentlichen Effekt
der Dehnmethoden angeht. Gerade wenn es dabei in den Bereich der Krankengymnastik und der Sportmedizin geht, wird
daraus ein chaotisches Durcheinander, wobei der Kranke oder der Sportler schnell zum Versuchskaninchen gerät und
sich auch mit wirkungslosen Übungen auseinandersetzen muss.
Gründe dafür benennt zum Beispiel der Sportwissenschaftler Dr. Franz Marschall (von der
Sport-Uni Giessen): Dr. Marshall kritisiert, dass sowohl bei der Dauer und Häufigkeit der Dehnübungen in der
Physiotherapie noch nicht genügend präzisiert wurde, als auch in der Forschung es bisher nicht gelungen ist,
Zusammenhänge zwischen mechanischen Dehnbelastungen und neuromuskulären Steuerungen zu erfassen und diese
wissenschaftlich zu belegen.
Neben dem Kraft- und Ausdauertraining zeigt jedoch gerade das Beweglichkeitstraining eine großartige Wirkung auf
den Körper, die sich, egal in welcher Altersgruppe ausgeübt, positiv äußert. In einer Expertenrunde konnte nun
geklärt werden, wie sich das Bewegungstraining auch wissenschaftlich besser fundieren lässt. Hierbei zeigte sich,
dass sich die Ansätze der Expertenansichten hauptsächlich um die Abhängigkeit der Belastungsgrößen, die Kriterien
für funktionelle Dehnübungen und die unterschiedlichen Dehneffekte drehten.
Mein Kollege und Physiotherapeut Bernd Herbeck (ehemals im medizinischen Stab der
Olympiamannschaft) antwortete auf die Frage, inwieweit Belastungsgrößen in der sportmedizinischen und
physiotherapeutischen Praxis genutzt werden, dass in Bezug auf die Intensität der Dehnungsübungen jeweils die
Schmerzschwelle als Obergrenze angenommen wird, die, nach seinen Angaben, eher keine negativen Rückkopplungen
auslösen sollte. Ausschlaggebend wäre die Erhaltung oder auch Wiederherstellung der Gelenkfunktion. Neben dem
eigentlichen Zweck der Dehnung muss auch auf den Zielort der Dehnung geachtet werden, darunter z. B. die Gefäße,
Nerven oder Kapseln, was in vorangegangenen Expertendiskussionen als Ansatz eher vernachlässigt wurde. Herbeck
spricht von einem Zusammenhang zwischen der Ausprägung der Belastungsgrößen, der Technik des Dehnens und der zu
verändernden Struktur. Ein erster Schwerpunkt könnte sich hier eingrenzen lassen, wenn die Frage der Intensität für
das Beweglichkeitstraining eine ähnliche Bedeutung erhält wie die für das Kraft- und Ausdauertraining.
Anmerkung: Damit kommt Herr Herbeck meinen Erfahrungen und Überzeugungen im Bereich des
Beweglichkeitstrainings übrigens sehr nahe :-)
Der Diplom-Sportlehrer Karl-Peter Knebel (der auch ein Buch zur "Funktionsgymnastik"
veröffentlicht hat), weißt in Bezug auf den Nutzen des Stretchings ferner darauf hin, dass ein kritischer
Blick auf die Beanspruchung der Teilstrukturen notwendig ist, hier z. B. Bindegewebe oder Muskulatur, und auf die
anatomische und funktionelle Bedingung der Dehnübungen.
Wenn sich die "wissenschaftliche" Literatur so ansieht, dann kommt man früher oder später auch zu Prof.
Jürgen Freiwald. Von Prof. Freiwald liest und hört man zudem, dass
- Es keinen "wissenschaftlichen" Beweis gibt, dass Dehnungen notwendig sind.
- Es auch Studien gibt, die zeigen, dass Jogger häufiger von Verletzungen geplagt wurden, wenn sie
vorher Dehnübungen durchgeführt hatten.
- Das starkes Dehnen die Reaktionszeit der Muskeln verlängert und so der Koordination schadet
- Dehnen kein Mittel gegen einen Muskelkater ist, sondern ihn sogar eher noch verschlimmern kann
Und dann gibt es da immer noch die Meinung, dass: "weitere Mängel eines für die Forschung ausschlaggebenden
Befundes dadurch den Placebo-Effekt entstehen, wobei der Sportler oder Kranke durch seine Erwartung selbst Einfluss
auf den Dehneffekt nimmt.
Schön. So etwas kennen wir ja auch aus den verschiedensten Studien zu Medikamenten und anderen medizinischen
Heilverfahren.
Kommen wir doch mal zur nächsten Frage:
Welche Dehnmethode ist denn die Beste?
Nur der Übersicht halber, es gibt:
- passiv-statisches Dehnen (die bekannteste Dehnung)
- passiv-dynamisches Dehnen (mit Hilfe eines Partners)
- aktiv-statisches Dehnen
- aktiv-dynamisches Dehnen (auch: ballistisches Dehnen)
- postisometrisches Dehnen (auch: Anspannungs-Entspannungs-Dehnen [AED] oder
"Contract-Hold-Relax-Streching [CHRS])
- bewegt-statisches Dehnen
Meine Erfahrungen und auch die mir vorliegenden Studien belgen relativ deutlich: die postisometrische
Dehnmethode ist die effektivste Methode - jedenfalls was die Besserung der Bewegungsreichweite anbelangt.
Eine Kombination der Methoden ergibt meiner Erfahrung nach allerdings noch bessere Ergebnisse. Wie man die
Methoden effektiv kombiniert zeige ich übrigens in jeder Fitnessberater-Ausbildung.
Braucht man überhaupt Dehnungen oder reicht eine exzentrische Arbeitsweise der Muskulatur?
Praktisch: reicht es, wenn ich mich den ganzen Tag bücken muss - oder brauche ich noch eine spezielle Dehnung
für den unteren Rücken?
Hier geht es in der Fachsprache um "submaximale und supramaximale Exzentrik". Während das klassische
Stretching den Muskeltonus und die Sensibilität der Muskelspindeln verringert und darum durchaus eine
Leistungsminderung bewirken kann, zeigt sich bei einer exzentrisch-konzentrischen Arbeitsweise eine Abhängigkeit
der entwickelten Kraft von der Verweildauer. Die Muskelkräfte sind bei einer Zeitverzögerung geringer als bei
direkter Aufeinanderfolge von Konzentrik und Exzentrik.
Sprich: statisches Dehnen reduziert den Muskeltonus eher, supramaximale Exzentrik erhöht den Tonus eher (was vor
sportlichen Leistungen ja eher erwünscht ist).
Ob nun die Elastizität der Muskeln und des Bindegewebes (wobei hier das Vermögen gemeint ist, nach der Dehnübung
wieder in die Ausgangslage zurückzufinden), und die Plastizität, (wobei man hier wiederum die Eigenschaft eines
Muskels meint, der durch äußere Einwirkung verformt werden kann), ob also nun beide eine tatsächliche Veränderung
der Bewegungsreichweite beeinflussen, kann, nach Ansicht von Prof. Klaus Wiemann, eher verneint werden.
Ein derartiges Ergebnis zeigt sich dann eher in kleineren Effekten, wenn z. B. die Muskelruhelänge nicht wieder
eingenommen werden kann, was vorkommt, wenn bei anspruchsvollen Dehnübungen die Elastizitätsgrenze überschritten
wird und es zu strukturellen Veränderungen kommt.
Und was ist mit Yoga und so?
Bisher habe ich das Thema Stretching im wesentlichen sportwissenschaftlich betrachtet. In fast jeder Art des
Trainings läßt sich die ein oder andere "Beweglichkeitskomponente" oder Stretching finden.
Es gibt aber auch Systeme und Kurse, die den Aspekt der Beweglichkeit als Schwerpunkt haben - zumindest aus
sportwissenschaftlicher und sportmedizinischer Sicht:
Diese drei sind natürlich Klassiker.
Darüberhinaus haben sich im Kursbereich "Trends" entwickelt, die einen hohen Anteil Beweglichkeitstraining
beinhalten (zum Beispiel Antara
oder Pilates).
So jetzt habe ich heute (2.5.2011) erst einmal genug zu diesem Thema geschrieben. Das Thema wird von mir weiter
bearbeitet und erweitert. Jedenfalls ist es Zeit für ein...
Vorläufiges Fazit:
1. Die Betrachtungen und theoretischen Denkmodelle beziehen sich fast alle nur auf die Muskulatur. Eine
Struktur findet nur wenig Beachtung: die Faszien.
2. Der Personenkreis der am meisten vom Beweglichkeitstraining profitieren würde macht es nicht:
nämlich sportlich Inaktive. Die Einschränkungen in der Beweglichkeit sind erschreckend.
3. Untersuchungen bezüglich Schmerzen und Beweglichkeitseinschränkungen: fast Fehlanzeige.
|