Lassen Sie es mich gleich auf den Punkt bringen:
Ohne Beweglichkeit geht gar NICHTS.
In der Schmerztherapie nicht und im Sport auch nicht.
Damit wäre das Wichtigste bereits gesagt.
In diesem (sehr ausführlichen) Beitrag will ich Ihnen auch erklären warum.
Und gleich noch eins vorab: Sie finden mittlerweile unzählige Artikel zum Thema Beweglichkeit, Faszien usw. Da ist auch viel Stimmiges dabei und auch Richtiges. Ich selbst arbeite seit weit über 30 Jahren mit Sportlern und seit 1998 in einer eigenen Naturheilpraxis mit Patienten. Zusätzlich „beweise“ ich, dass dies hier nicht alles nur graue Theorie ist, sondern ich zeige es an mir selbst – mit dem Projekt 2026 (Deutsche Masters Senioren über 100m).
Nach dieser kleinen Einleitung legen wir los.
Also:
Fehlt einem Gelenk der benötigte Bewegungsraum, kann der Körper trotzdem erstaunlich viel Kraft entwickeln. Er entwickelt sie nur häufig in der falschen Bewegung. Dann weicht die Lendenwirbelsäule aus, weil die Hüfte nicht frei genug bewegt. Der Fuß dreht nach außen, weil dem Sprunggelenk Beugung fehlt. Die Schulter wandert nach vorn, während der Brustkorb die fehlende Armhebung mit einem Hohlkreuz bezahlt. Der Mensch bewegt sich weiter. Aber er bewegt sich um seine Einschränkung herum.
Deshalb ist Beweglichkeit für mich nicht das nette Zusatzprogramm nach dem „eigentlichen“ Training. Es ist die erste Voraussetzung für Leistungsfähigkeit und häufig auch für Schmerzfreiheit. Kraft, Schnellkraft und Ausdauer können nur in dem Bewegungsraum wirksam werden, den Gelenke, Muskulatur, Kapseln und fasziale Strukturen tatsächlich freigeben und kontrollieren. Fehlt dieser Raum, wird jede höhere Belastung auf eine Kompensation gesetzt.
Das gilt für Schmerzpatienten ebenso wie für Leistungssportler. Beim Patienten begrenzt die fehlende Bewegungsfreiheit oft schon das schmerzfreie Gehen, Bücken oder Aufstehen. Beim Athleten fällt das Defizit womöglich erst unter hoher Geschwindigkeit auf: beim Sprint, beim Absprung, beim Richtungswechsel oder beim Abfangen großer Kräfte. Was langsam noch ordentlich aussieht, kann unter Schnellkraftbelastung vollständig auseinanderfallen.
Ein wichtiger Unterschied wird dabei fast immer übersehen: Schmerzfreiheit ist nicht dasselbe wie Belastbarkeit. In der Praxis lässt sich eine schmerzhafte Bewegung häufig erstaunlich schnell beruhigen und verbessern. Bis der gewonnene Bewegungsraum jedoch aktiv kontrolliert, unter Last stabil und schließlich für Schnellkraft belastbar ist, vergeht deutlich mehr Zeit. Das habe ich auch in meinem Projekt 2026 erfahren. Eine Bewegung kann sich längst wieder gut anfühlen, während Gelenke, Sehnen, Muskulatur und fasziale Strukturen für maximale Sprintbelastungen noch nicht bereit sind.
Wer Beweglichkeit nur mit etwas Dehnen am Ende des Trainings gleichsetzt, unterschätzt daher eine der zentralen sportmotorischen Fähigkeiten. Es geht nicht darum, sich möglichst spektakulär zu verbiegen. Es geht um freie Gelenkbewegung, gutes Gewebegleiten, aktive Kontrolle und die Fähigkeit, diesen Bewegungsraum zunehmend schnell und kraftvoll zu nutzen.
Was Beweglichkeit tatsächlich bedeutet
Im Fitnessbereich werden Beweglichkeit, Mobility, Mobilisation und Stretching gern durcheinandergeworfen. Das klingt modern, macht die Sache aber nicht klarer. Für die Praxis genügt folgende Unterscheidung:
- Beweglichkeit beschreibt den verfügbaren Bewegungsumfang eines Gelenks oder einer Bewegung. In der Fachsprache wird häufig von der „Range of Motion“ (ROM) gesprochen.
- Stretching oder Dehnen ist eine Methode, mit der vor allem Muskeln und Muskel-Sehnen-Einheiten auf Länge gebracht werden. Das kann die Bewegungsreichweite verbessern, ist aber nicht die einzige Möglichkeit.
- Mobilisation bedeutet, ein Gelenk wiederholt und kontrolliert durch einen gewünschten Bewegungsbereich zu führen. Sie kann aktiv, unterstützt oder therapeutisch ausgeführt werden.
- Aktive Beweglichkeit ist der Gelenkwinkel, den Sie aus eigener Muskelkraft erreichen und kontrollieren können. Im heutigen Trainingsjargon wird dafür häufig der Begriff „Mobility“ verwendet.
Entscheidend ist die Differenz zwischen passiver und aktiver Beweglichkeit. Lässt sich das Bein mit Hilfe eines Gurtes deutlich höher anheben als aus eigener Kraft, fehlt möglicherweise weniger „Länge“ als vielmehr Kraft im erreichbaren Winkel. Noch mehr passives Ziehen löst dieses Problem nicht. Der gewonnene Bewegungsraum muss vom Nervensystem beherrscht und von der Muskulatur gesichert werden.
Warum Beweglichkeit der limitierende Faktor sein kann
Sportwissenschaftlich ist es wenig sinnvoll, Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit und Koordination in eine ewige Rangliste zu zwingen. Je nach Aufgabe kann jede dieser Fähigkeiten die Leistung begrenzen. Beweglichkeit nimmt jedoch eine besondere Stellung ein: Sie stellt den Raum bereit, in dem die anderen Fähigkeiten überhaupt zum Einsatz kommen.
Ein Sprinter kann enorme Hüftstreckkraft besitzen. Wenn die Hüfte den erforderlichen Winkel nicht erreicht und das Becken stattdessen nach vorn kippt, geht ein Teil dieser Kraft in eine Ausweichbewegung. Ein Kraftsportler kann starke Oberschenkel haben. Fehlt ihm die Sprunggelenkbeweglichkeit für seine Kniebeugenvariante, verändern sich Oberkörperneigung, Druckverteilung und Gleichgewicht. Ein Tennisspieler kann eine kräftige Schulter besitzen. Wenn Brustwirbelsäule, Schulterblatt und Oberarmkopf nicht sinnvoll zusammenspielen, wird die vorhandene Kraft nicht sauber in den Schlag übertragen.
Beweglichkeit ist deshalb häufig ein Torwächter. Ist der benötigte Bewegungsraum vorhanden, entscheiden Kraft, Technik, Energiebereitstellung und Schnelligkeit über die weitere Leistung. Ist er nicht vorhanden, muss der Organismus kompensieren. Das kann lange gutgehen. Unter Ermüdung, hoher Last und großer Geschwindigkeit wird die Rechnung allerdings meist teurer.
„Beweglichkeit zuerst“ bedeutet dabei nicht, dass ein Mensch monatelang nur auf einer Matte dehnen muss, bevor er Krafttraining betreiben darf. Die Reihenfolge ist vor allem eine funktionelle:
- Den für die Zielbewegung notwendigen Gelenkwinkel herstellen.
- Diesen Winkel aktiv kontrollieren.
- Kraft über die verfügbare Bewegungsamplitude entwickeln.
- Die Belastung steigern und den Bewegungsraum unter Ermüdung sichern.
- Erst danach hohe Geschwindigkeit, reaktive Kräfte und maximale Schnellkraft verlangen.
Diese Schritte dürfen sich im Training überschneiden. Die Logik darf aber nicht umgedreht werden. Explosive Belastung ist kein besonders energischer Ersatz für fehlende Grundlagen.
Wie beweglich müssen Sie sein?
Die richtige Antwort lautet nicht: so beweglich wie möglich. Sie müssen so beweglich sein, wie es Ihr Alltag, Ihre Sportart und Ihre Übungen erfordern. Ein Hürdenläufer benötigt andere Gelenkwinkel als jemand der „nur“ spazieren geht. Eine tiefe Kniebeuge verlangt mehr Beweglichkeit in Sprunggelenk und Hüfte als das Aufstehen von einem Stuhl. Wer über Kopf drückt, braucht eine andere Schulter- und Brustwirbelsäulenfunktion als jemand, der ausschließlich an Maschinen trainiert.
Lehrbuchwerte können bei Untersuchungen eine Orientierung geben. Sie sind aber kein persönliches Trainingsziel, das jeder Mensch um jeden Preis erreichen muss. Knochenform, Gelenkgeometrie, Körperproportionen, frühere Verletzungen und sportliche Anforderungen unterscheiden sich. Ein harter knöcherner Anschlag lässt sich nicht sinnvoll „wegdehnen“. Und ein Mensch mit ausgeprägter Gelenküberbeweglichkeit braucht meist mehr Stabilität, nicht noch größere Winkel.
Ein brauchbarer Bewegungsumfang erfüllt drei Bedingungen:
- Er reicht für die gewünschte Bewegung aus.
- Er ist ohne deutliche Ausweichbewegung erreichbar.
- Er kann muskulär kontrolliert und unter angemessener Belastung genutzt werden.
Das ist nutzbare Beweglichkeit. Ein passiv erreichter Winkel ohne Kontrolle ist zunächst nur eine Möglichkeit, noch keine körperliche Fähigkeit.
Für einen Turner, Gewichtheber oder Sprinter liegt die benötigte Bewegungsamplitude höher als für viele Alltagsaufgaben. Dennoch darf „alltagstauglich“ nicht zur Ausrede für ein fortschreitend kleineres Bewegungsrepertoire werden. Sich auf den Boden setzen und ohne Abstützen wieder aufstehen, den Arm ohne Ausweichbewegung über den Kopf führen, den Fuß ausreichend abrollen und die Hüfte strecken zu können, sind keine Zirkuskunststücke. Es sind grundlegende menschliche Bewegungen.
Warum Beweglichkeit ab 50 häufig deutlich nachlässt
Mit zunehmendem Alter können sich Muskel-Sehnen-Eigenschaften, Gelenkstrukturen und die Reaktion des Nervensystems verändern. Die Erholung nach ungewohnten Belastungen dauert häufig länger. Arthrose, Operationen und alte Verletzungen kommen öfter hinzu. Daraus folgt jedoch nicht, dass ein stetiger Verlust an Beweglichkeit einfach hingenommen werden muss.
Ein erheblicher Teil des Problems ist sehr viel banaler: Bewegungswinkel, die nicht benutzt werden, gehen schrittweise verloren. Wer jahrelang weder tief in die Knie geht noch die Arme vollständig über den Kopf führt, trainiert den Körper zuverlässig darin, genau diese Bewegungen nicht mehr zu können. Das ist weniger geheimnisvolle Alterung als konsequentes Enttraining.
Gleichzeitig verbessert Beweglichkeitstraining die Gelenkreichweite auch bei älteren Menschen. In einer großen Metaanalyse zur Dosierung des statischen Dehnens war das Alter kein klarer Einflussfaktor auf den Trainingserfolg. Menschen mit niedriger Ausgangsbeweglichkeit erzielten im Durchschnitt sogar die größeren Fortschritte. Alter ist also ein Anpassungsfaktor, aber kein Gegenargument.
Was eine Bewegung einschränken kann
„Der Muskel ist verkürzt“ ist eine beliebte Erklärung. Sie ist bequem, aber häufig zu schlicht. Eine eingeschränkte Bewegung kann verschiedene Ursachen haben:
- Muskuläre Spannung und Dehntoleranz: Das Nervensystem beendet die Bewegung, weil die Dehnung als unangenehm oder unsicher wahrgenommen wird.
- Muskel-Sehnen-Steifigkeit: Die beteiligten Strukturen geben unter Zug weniger nach.
- Gelenkkapsel und Gelenkstruktur: Nach Ruhigstellung, Operationen, Entzündungen oder bei degenerativen Veränderungen kann das Gelenk selbst begrenzen.
- Schmerz und Schutzspannung: Der Körper reduziert den Bewegungsumfang, um eine als gefährlich bewertete Position zu vermeiden.
- Fehlende Kraft im Endbereich: Der Winkel wäre prinzipiell vorhanden, kann aber aktiv nicht kontrolliert werden.
- Nervale Mechanosensitivität: Ziehen, Brennen, Kribbeln oder ein elektrisierendes Gefühl können von empfindlichen Nervenstrukturen ausgehen. Aggressives Dehnen ist dann keine gute Idee.
- Technik und Körperproportionen: Nicht jede vermeintliche Unbeweglichkeit ist ein körperliches Defizit. Manchmal passt die gewählte Übungsvariante schlicht nicht zur Gelenkform oder zu den Proportionen.
Ein gutes Beispiel ist die Kniebeuge. Eine geringe Dorsalflexion des Sprunggelenks kann dazu führen, dass die Fersen abheben oder der Oberkörper stärker nach vorn ausweicht. Auch Oberschenkellänge, Hüftgeometrie, Standbreite und das Verhältnis der Körpersegmente beeinflussen die Bewegung. Mehr dazu lesen Sie im Beitrag über den Einfluss der Sprunggelenkbeweglichkeit auf die Kniebeuge.
Faszien: keine Verpackung, sondern Teil der Bewegung
Der Begriff „Faszien“ wurde im Fitnessbereich zeitweise so großzügig benutzt, dass am Ende fast jede Beschwerde auf „Verklebungen“ zurückgeführt und fast jede Lösung auf eine Rolle gelegt wurde. Das war verkaufsstark, aber anatomisch dürftig.
Zum faszialen System gehören unterschiedliche kollagene Bindegewebe: unter anderem oberflächliche und tiefe Faszien, Muskelhüllen, Sehnen, Aponeurosen, Bänder und Gelenkkapseln. Diese Strukturen trennen nicht nur Gewebeschichten. Sie verbinden sie auch, übertragen Kräfte, erlauben Verschiebungen zwischen Muskeln und Gewebelagen, speichern elastische Energie und tragen zur Wahrnehmung von Spannung, Stellung und Schmerz bei.
Faszien sind reich innerviert. Histologische Untersuchungen und systematische Übersichten zeigen freie Nervenendigungen sowie Rezeptoren, die an Nozizeption (der Aufnahme potenziell schädigender Reize) und Propriozeption (der Wahrnehmung von Stellung und Bewegung) beteiligt sein können. Besonders bei entzündetem oder pathologisch verändertem Gewebe scheint die nozizeptive Innervation bedeutsam zu sein. Faszien können somit selbst Teil des Schmerzgeschehens sein. Sie sind nicht bloß die Klarsichtfolie um den Muskel.
Wenn ich von „freien Faszien“ spreche, meine ich daher keinen magischen Zustand und auch kein angeblich vollständig entklebtes Gewebe. Gemeint ist eine funktionelle Qualität:
- Gewebeschichten können gegeneinander gleiten.
- Spannung wird über funktionelle Linien übertragen, ohne dass eine Region ständig ausweichen muss.
- Das Gewebe ist für die geforderte Dehnung, Kompression und Geschwindigkeit belastbar.
- Die Eigenwahrnehmung erlaubt eine präzise Steuerung der Bewegung.
Diese Qualität entsteht nicht allein durch passives Dehnen. Faszien reagieren auf mechanische Belastung und passen ihre Struktur an. Dafür braucht es unterschiedliche Reize: große kontrollierte Bewegungsamplituden, Zug und Druck, Kraft in langen Muskelpositionen, Rotation, wechselnde Bewegungsrichtungen und später auch federnde, elastische Belastungen. Wer immer nur langsam und in denselben kleinen Winkeln trainiert, wird für schnelle Bewegungen nicht dadurch bereit, dass er vor dem Wettkampf ein paarmal wippt.
Faszien, Muskelkater und psychische Belastung
Die neuere Faszienforschung erweitert den Blick über reine Mechanik hinaus. In einer Untersuchung mit Patienten mit einer schweren Depression waren die myofaszialen Gewebe im Nacken- und oberen Rückenbereich im Mittel steifer und weniger elastisch als bei Kontrollpersonen. Eine weitere Beobachtungsstudie fand Unterschiede an der Faszie des Trapezmuskels bei Depression und chronischem Nackenschmerz. Das ist interessant, beweist aber weder, dass Depression durch „verfilzte Faszien“ entsteht, noch dass einige federnde Übungen eine Depression behandeln.
Die vorsichtige, aber wichtige Aussage lautet: Psychischer Zustand, autonomes Nervensystem, Haltung, Bewegungsverhalten, Schmerzverarbeitung und Gewebeeigenschaften beeinflussen sich gegenseitig. Ein chronisch gestresster Mensch bewegt sich anders. Ein Schmerzpatient entwickelt häufig langsamere, vorsichtigere und immer gleichförmigere Strategien. Werden solche Muster nie wieder erweitert, kann sich die eingeschränkte Bewegung selbst stabilisieren.
Auch beim Muskelkater spricht einiges dafür, dass nicht nur Muskelfasern beteiligt sind. Nach exzentrischer Belastung wurden eine vorübergehende Verdickung der tiefen Faszie und Zusammenhänge mit dem Schmerz beobachtet. Daraus gleich den „Muskelkater“ vollständig zum „Faszienkater“ umzubenennen, wäre verfrüht. Die Daten zeigen jedoch erneut: Muskel und Bindegewebe lassen sich bei Bewegung und Belastung nicht sinnvoll in getrennte Welten zerlegen.
Schmerzfreiheit ist die erste Etappe, nicht das Endziel
Bei vielen Patienten lässt sich Schmerzfreiheit oder zumindest eine deutliche Schmerzlinderung relativ schnell erreichen. Man findet eine weniger bedrohliche Bewegung, reduziert eine ungünstige Spannung, verbessert die Gelenkführung und gibt dem Nervensystem wieder Sicherheit. Das kann innerhalb weniger Behandlungen oder Trainingswochen erstaunlich viel verändern.
Der gefährliche Fehlschluss lautet anschließend: „Es tut nicht mehr weh, also ist alles wieder belastbar.“ Schmerz ist kein geeichtes Messgerät für Gewebefestigkeit. Er kann abnehmen, bevor Kraft, lokale Ausdauer, Endbereichskontrolle und elastische Belastbarkeit wiederhergestellt sind. Umgekehrt kann Schmerz fortbestehen, obwohl eine Struktur mechanisch belastbar ist. Deshalb muss Rehabilitation mehr prüfen als die aktuelle Schmerzstärke.
Für den Weg zurück zur Leistung unterscheide ich fünf Stufen:
- Schmerzarme Grundbewegung: Die Bewegung wird ohne starke Schutzreaktion wieder möglich.
- Ausreichender Bewegungsraum: Das Gelenk erreicht die für Alltag oder Sport benötigten Freiheitsgrade ohne grobe Kompensation.
- Aktive Kontrolle: Der neue Winkel kann aus eigener Kraft erreicht und gehalten werden.
- Belastbarkeit: Kraft, Wiederholungszahl und äußere Last werden im vollständigen benötigten Bewegungsweg gesteigert.
- Schnellkraft und Reaktivität: Erst jetzt folgen hohe Bewegungsgeschwindigkeiten, kurze Bodenkontakte, Sprünge, Sprints oder abrupte Richtungswechsel.
Gerade zwischen Stufe vier und fünf liegt eine Lücke, die im üblichen Rehabilitationsdenken gern verschwindet. Langsame Kraft ist nicht automatisch Schnellkraft. Eine kontrollierte Dehnung ist noch keine federnde Belastung. Und zehn schmerzfreie Wiederholungen beweisen nicht, dass eine Struktur die enormen Kraftspitzen eines Sprints verträgt.
Gelenke brauchen Freiheit, Kontrolle und richtig verteilte Last
Das Bild vom „Zug auf dem Gelenk, der den Knorpel abreibt“ ist anschaulich, biologisch aber zu einfach. Knorpel ist kein Bremsbelag, der durch jede Bewegung dünner wird. Gelenke sind für Belastung gebaut. Wechselnde Kompression und Entlastung gehören zu ihrer Ernährung und Funktionsfähigkeit. Auch Muskel- und Sehnenzug ist unverzichtbar, weil er Gelenke führt und Kräfte überträgt.
Problematisch wird Belastung, wenn sie dauerhaft zu hoch, zu einseitig oder ungünstig verteilt ist. Fehlt einem Gelenk ein notwendiger Freiheitsgrad, verschiebt der Körper Bewegung und Last auf benachbarte Bereiche. Eine eingeschränkte Hüftstreckung kann die Lendenwirbelsäule stärker belasten. Eine reduzierte Sprunggelenkbeweglichkeit verändert Kniebeuge, Landung und Gang. Eine schlecht geführte Schulter zwingt Oberarmkopf, Schulterblatt und Brustkorb zu Ersatzbewegungen.
Das Ziel des Beweglichkeitstrainings besteht daher nicht darin, ein Gelenk möglichst locker zu machen. Es soll unnötige Zug- und Scherbelastungen reduzieren, Gelenkflächen sinnvoll belasten und den Bewegungsablauf wieder auf mehrere Strukturen verteilen. Dafür braucht es genügend Bewegungsraum und muskuläre Führung. Beweglichkeit ohne Stabilität ist genauso unvollständig wie Stabilität in einem immer kleiner werdenden Winkel.
Was Beweglichkeit mit Selbstständigkeit und Lebenserwartung zu tun hat
Wie grundlegend das Zusammenspiel von Beweglichkeit, Kraft und Koordination ist, zeigt der Sitz-Steh-Test vom Boden (Sitting-Rising Test). Die Aufgabe klingt fast lächerlich einfach: Setzen Sie sich kontrolliert auf den Boden und stehen Sie wieder auf, möglichst ohne Hände, Knie oder Unterarme als Stütze zu benutzen.
Der Test ist gerade deshalb wertvoll, weil er keine einzelne isolierte Eigenschaft misst. Er verlangt Beweglichkeit in Hüfte, Knie und Sprunggelenk, Kraft und zum Teil Schnellkraft der Beine, Gleichgewicht, Koordination und ein günstiges Verhältnis zwischen Muskelkraft und Körpermasse. Wer nur einen dieser Faktoren betrachtet, versteht die Aufgabe nicht.
Eine 2025 veröffentlichte prospektive Kohortenstudie untersuchte 4.282 Erwachsene zwischen 46 und 75 Jahren. Während einer medianen Nachbeobachtung von 12,3 Jahren waren niedrige Testergebnisse deutlich mit einer höheren natürlichen und kardiovaskulären Sterblichkeit verbunden. In der Gruppe mit 0 bis 4 von 10 Punkten lag die natürliche Sterblichkeit bei 42,1 Prozent, bei einem perfekten Ergebnis von 10 Punkten bei 3,7 Prozent. Auch nach Berücksichtigung mehrerer Einflussgrößen blieb der Zusammenhang bestehen.
Das beweist nicht, dass ein täglicher Sitz-Steh-Test das Leben verlängert. Beobachtungsstudien belegen keine solche Kausalität. Der Test macht etwas anderes sichtbar: Ein Körper, der Bewegungsraum, Kraft, Gleichgewicht und Kontrolle zu einer elementaren Aufgabe verbinden kann, besitzt eine Reserve, die weit über Gymnastik hinausreicht. Genau diese Reserve entscheidet mit darüber, ob jemand stürzt, vom Boden wieder hochkommt und im Alltag selbstständig bleibt.
Probieren Sie den Test nicht unvorbereitet, wenn Sie unter akuten Knie- oder Hüftbeschwerden, ausgeprägter Unsicherheit oder häufigen Stürzen leiden. Dann ist eine erhöhte Unterlage oder fachkundige Sicherung vernünftiger als der Ehrgeiz, unbedingt zehn Punkte zu erreichen.
Beweglichkeit endet nicht an Muskeln und Gelenken
Auch Blutgefäße besitzen elastische und kollagene Strukturen. Schon 2009 zeigte eine Studie mit 526 gesunden Erwachsenen, dass geringe Rumpfbeweglichkeit besonders bei Menschen ab 40 mit einer höheren arteriellen Steifigkeit verbunden war. Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2024 bestätigte den Zusammenhang zwischen niedriger Rumpfbeweglichkeit und ungünstigeren Messwerten der arteriellen Steifigkeit.
Noch interessanter ist eine kontrollierte Trainingsstudie aus dem Jahr 2020. Zwölf Wochen regelmäßiges passives Dehnen der Beine verbesserten Parameter der lokalen und systemischen Gefäßfunktion und senkten die arterielle Steifigkeit. Effekte zeigten sich also nicht nur in den unmittelbar gedehnten Regionen.
Wie diese Anpassungen genau entstehen, ist nicht abschließend geklärt. Diskutiert werden unter anderem wiederholte Veränderungen des Blutflusses, Scherreize am Endothel, autonome Einflüsse und strukturelle Anpassungen. Die populäre Erklärung „Auch die Gefäße haben Faszien, deshalb hält Dehnen die Arterien geschmeidig“ ist als Bild reizvoll, als Mechanismus aber zu kurz.
Dennoch ist die Konsequenz bemerkenswert: Beweglichkeit spiegelt möglicherweise nicht nur den Zustand von Muskeln und Gelenken wider. Sie kann auch mit der allgemeinen Gewebe- und Gefäßgesundheit zusammenhängen. Meinen älteren Beitrag Stretching gegen Herzinfarkt würde ich heute deshalb vorsichtiger betiteln, aber nicht in der Sache verwerfen. Stretching ersetzt kein Ausdauertraining, keine Blutdruckkontrolle und keine Behandlung kardiovaskulärer Risiken. Als zusätzlicher Trainingsreiz besitzt es wahrscheinlich mehr systemische Bedeutung, als lange angenommen wurde.
Wirkt Stretching überhaupt?
Ja. Regelmäßiges statisches Dehnen kann den erreichbaren Gelenkwinkel deutlich verbessern. Die interessantere Frage lautet, wie dieser Zuwachs entsteht. Die ältere Vorstellung, ein Muskel werde beim Dehnen einfach dauerhaft länger gezogen wie ein ausgeleiertes Gummiband, greift zu kurz.
Eine aktuelle systematische Auswertung zeigt: Sowohl einmaliges als auch längerfristiges statisches Dehnen kann die gesamte Steifigkeit der beteiligten Strukturen verringern. Nach mehrwöchigem Training steigt zusätzlich die Toleranz gegenüber der Dehnspannung. Eine verlässliche Verlängerung der Muskelfasern ließ sich dagegen nicht nachweisen. Ein Teil des Erfolgs besteht somit darin, dass der Körper einen größeren Winkel zulässt und in diesem Bereich weniger Widerstand aufbaut.
Auch die gern bemühte Vorstellung, einige Minuten Dehnen würden verklebte Faszien mechanisch auseinanderziehen, ist wissenschaftlich viel zu grob. Faszien reagieren auf Belastung, Bewegung und langfristige Anpassung. Das Gewebe lässt sich aber nicht wie ein verklebtes Stück Frischhaltefolie mit einer einzigen Übung „lösen“. Die Rolle des Bindegewebes ordne ich im Beitrag zum Faszientraining ausführlicher ein.
Dehnen ist nicht die einzige Methode
Krafttraining über eine große, individuell passende Bewegungsamplitude kann die Beweglichkeit ebenfalls verbessern. Systematische Auswertungen zeigen hier deutliche Zuwächse der Gelenkreichweite. In direkten Vergleichen war Krafttraining über den vollen Bewegungsweg dem Stretching nicht grundsätzlich unterlegen.
Das ist biomechanisch plausibel: Wenn Sie eine Bewegung unter Kontrolle und gegen Widerstand bis in den gewünschten Endbereich ausführen, trainieren Sie nicht nur den Winkel, sondern zugleich die Kraft, die ihn nutzbar macht. Bei der Beinpresse kann das eine schrittweise größere Knie- und Hüftbeugung sein. Beim Wadenheben auf einer Stufe wird die Wadenmuskulatur unter Last in einer langen Position beansprucht. Beim kontrollierten Ausfallschritt arbeiten Hüfte und Sprunggelenk durch eine große Bewegungsamplitude.
Das bedeutet nicht, dass Stretching überflüssig ist. Es bedeutet nur, dass „steif“ nicht automatisch mit „mehr ziehen“ beantwortet werden sollte. Häufig ist die Kombination aus Mobilisation, Dehnung und Krafttraining die bessere Lösung. Anleitungen zu geeigneten Bewegungen finden Sie in der Übersicht der Fitnessübungen.
Die wichtigsten Methoden im Vergleich
Dynamische Mobilisation
Das Gelenk wird wiederholt und kontrolliert durch einen allmählich größeren Bewegungsbereich geführt. Beispiele sind Kniebewegungen Richtung Fußspitze zur Mobilisation des Sprunggelenks, Hüftkreisen, kontrollierte Beinschwünge oder Schulterbewegungen über Kopf. Dynamische Mobilisation erhöht kurzfristig die Bewegungsreichweite und passt gut in das Aufwärmen.
„Dynamisch“ bedeutet nicht hektisch. Die Bewegung bleibt kontrolliert. Schnelle oder ballistische Dehnungen können in bestimmten Sportarten sinnvoll sein, setzen aber Erfahrung, Belastbarkeit und einen klaren Zweck voraus.
Statisches Dehnen
Eine Position wird an der Grenze eines gut tolerierbaren Dehngefühls gehalten. Statisches Dehnen eignet sich vor allem für gezielte Defizite, als eigene kurze Einheit oder nach dem Training. Es ist leicht zu dosieren und verbessert bei regelmäßiger Anwendung zuverlässig die passive Bewegungsreichweite.
Aktive Beweglichkeit und Endbereichskraft
Hier erreichen Sie den Winkel aus eigener Muskelkraft oder halten ihn aktiv. Beispiele sind das selbstständige Anheben des gestreckten Beins, kontrollierte Hüftrotationen ohne Hilfe der Hände oder das aktive Halten der Arme über Kopf, ohne ins Hohlkreuz auszuweichen. Diese Form schließt die Lücke zwischen „Ich komme dort hin“ und „Ich kann dort arbeiten“.
Krafttraining über einen großen Bewegungsweg
Die Übung wird in einer technisch kontrollierbaren und schrittweise erweiterten Amplitude ausgeführt. Last, Tempo und Bewegungsweg müssen zusammenpassen. Mehr Bewegungsamplitude ist nicht automatisch besser, wenn dafür das Becken ausweicht, die Wirbelsäule unkontrolliert nachgibt oder ein Gelenk schmerzt. Die Grundsätze eines vernünftigen Aufbaus erläutert die Seite zum Krafttraining und Muskeltraining.
Postisometrisches Dehnen und PNF
Beim postisometrischen Dehnen wird die Zielmuskulatur zunächst einige Sekunden gegen Widerstand angespannt und anschließend weiter in die Dehnung geführt. Varianten aus der propriozeptiven neuromuskulären Fazilitation (PNF) können die Bewegungsreichweite wirksam erhöhen. Sie sind jedoch nicht pauschal „die beste“ Methode. Die Qualität hängt von Ziel, Dosierung und korrekter Ausführung ab. Bei schmerzhaften oder operierten Gelenken gehört diese Methode in fachkundige Hände.
Vom freien Gelenk zur Schnellkraft
Die meisten Beweglichkeitsprogramme enden dort, wo das eigentliche Training beginnen müsste. Man erreicht einen etwas größeren Winkel und erklärt die Aufgabe für erledigt. Für Alltag und Sport zählt jedoch nicht nur, ob ein Winkel auf der Matte verfügbar ist. Entscheidend ist, ob er unter Last, bei Ermüdung und schließlich bei hoher Geschwindigkeit erhalten bleibt.
Die Progression lässt sich an drei Beispielen verdeutlichen:
Sprunggelenk
Zunächst wird geprüft und mobilisiert, wie weit sich das Knie bei aufliegender Ferse über den Fuß bewegen lässt. Anschließend folgen kontrollierte Kniebeugen, Ausfallschritte und Wadenheben über eine passende große Amplitude. Erst wenn Fußgewölbe, Achillessehne und Wade diese Positionen unter Last beherrschen, sind kleine federnde Sprünge, kurze Bodenkontakte und Sprintbelastungen der logische nächste Schritt.
Hüfte
Eine eingeschränkte Hüftstreckung wird nicht dadurch sprinttauglich, dass der Hüftbeuger einige Sekunden gedehnt wird. Nach der Mobilisation müssen Gesäßmuskulatur, hintere Kette und Rumpf den neuen Winkel kontrollieren. Dafür eignen sich beispielsweise Ausfallschrittvarianten, Split Squats, Step-ups und kontrollierte Hüftstreckbewegungen. Danach folgen Lauf-ABC, Steigerungsläufe und erst später maximale Beschleunigungen.
Schulter und Brustwirbelsäule
Nach der Wiederherstellung einer ausreichenden Armhebung müssen Schulterblatt, Rotatorenmanschette und Rumpf den Winkel sichern. Das kann mit kontrollierten Zug- und Druckbewegungen, Tragevarianten und isometrischen Halteübungen geschehen. Schnelle Würfe, Schläge oder Stützreaktionen gehören an das Ende dieser Entwicklung, nicht an den Anfang.
Für Patienten bedeutet das: nicht bei der Schmerzlinderung stehen bleiben. Für Sportler bedeutet es: Beweglichkeit nicht nur im entspannten Zustand testen. Eine Bewegung, die nach dem Aufwärmen einmal gelingt, muss auch nach mehreren Sprints, Sprüngen oder schweren Sätzen stabil bleiben. Erst die unter Belastung erhaltene Bewegungsfreiheit ist sportlich belastbare Beweglichkeit.
Statisches Dehnen vor dem Training: sinnvoll oder leistungsmindernd?
Die pauschale Aussage „Vor dem Training darf man niemals statisch dehnen“ ist ebenso falsch wie das frühere Pflichtprogramm, bei dem jede Muskelgruppe vor jeder Sportart minutenlang in die Länge gezogen wurde.
Kurze, mäßige Dehnungen lassen sich in ein vollständiges Aufwärmprogramm integrieren, besonders wenn eine konkrete Bewegungseinschränkung die Technik stört. Langes und intensives statisches Dehnen unmittelbar vor Sprints, Sprüngen, Maximalkrafttraining oder schnellen Richtungswechseln kann die anschließende Kraft- und Schnellkraftleistung vorübergehend beeinträchtigen. Dieser Effekt wird kleiner, wenn danach dynamische und sportartspezifische Aufwärmübungen folgen.
Für die Praxis gilt:
- Erhöhen Sie zunächst die Körpertemperatur durch einige Minuten allgemeine Bewegung.
- Mobilisieren Sie die Gelenke dynamisch in den Winkeln, die gleich benötigt werden.
- Dehnen Sie statisch nur dort, wo ein tatsächliches Defizit die Bewegung begrenzt.
- Aktivieren Sie anschließend die neue Bewegungsreichweite mit kontrollierten Wiederholungen und sportartspezifischen Bewegungen.
Die ausführliche Vorbereitung auf Kraft- und Ausdauerbelastungen finden Sie im Beitrag Richtig aufwärmen für Training und Wettkampf.
Hilft Dehnen gegen Muskelkater und Verletzungen?
Dehnen nach dem Training kann sich angenehm anfühlen. Gegen Muskelkater oder zur schnelleren Wiederherstellung der Kraft ist es jedoch kein verlässliches Mittel. Aktuelle Auswertungen finden für Stretching als alleinige Regenerationsmaßnahme keine überzeugenden Vorteile. Wer gern nach dem Training ruhig dehnt, darf das tun. Er sollte daraus nur keine physiologische Reparaturzeremonie machen.
Auch als allgemeiner Verletzungsschutz ist Stretching überschätzt. Eine ausreichende sportartspezifische Beweglichkeit kann das Risiko bestimmter Muskelverletzungen beeinflussen. Stretching allein ersetzt aber weder progressive Belastungssteigerung noch Krafttraining, Technik, Koordination, Schlaf und Erholung. Verletzungen entstehen selten, weil vor dem Training eine bestimmte Dehnübung vergessen wurde.
Wie lange und wie häufig sollten Sie dehnen?
Für ein allgemeines Beweglichkeitstraining ist folgende Dosierung ein vernünftiger Ausgangspunkt:
- Häufigkeit: zwei- bis viermal pro Woche; bei einem hartnäckigen Defizit kann eine kurze tägliche Einheit sinnvoll sein.
- Dauer: pro Zielmuskel oder Bewegungsrichtung zunächst insgesamt 60 bis 120 Sekunden je Einheit, beispielsweise zweimal 30 bis 60 Sekunden.
- Intensität: deutliches, aber gut kontrollierbares Dehngefühl. Auf einer Skala von 0 bis 10 liegt die Belastung meist bei etwa 3 bis 5. Schmerz, Brennen, Kribbeln oder elektrisierende Empfindungen sind kein Qualitätsmerkmal.
- Zeitraum: mindestens sechs Wochen konsequent trainieren und den Effekt mit derselben Bewegung prüfen.
Eine große Metaanalyse aus dem Jahr 2025 fand bei Erwachsenen keinen zusätzlichen durchschnittlichen Nutzen oberhalb von kumulativ vier Minuten statischem Dehnen pro Muskelgruppe und Einheit beziehungsweise zehn Minuten pro Woche. Das ist eine Obergrenze des erkennbaren Zusatznutzens, keine Aufforderung, eine einzelne Position vier Minuten lang zu erzwingen. Für viele Menschen reichen deutlich kleinere Umfänge, wenn regelmäßig und gezielt trainiert wird.
Dynamische Mobilisation wird besser über Wiederholungen dosiert: meist ein bis zwei Sätze mit sechs bis zehn kontrollierten Bewegungen je Richtung. Für aktive Beweglichkeit und Endbereichskraft sind zwei bis drei Sätze mit fünf bis zehn sauberen Wiederholungen ein guter Beginn.
Ein sinnvoller Beweglichkeitsplan für zehn Minuten
Die folgende Einheit deckt häufig vernachlässigte Bereiche ab. Sie ist kein Pflichtprogramm für jeden Körper. Wählen Sie vor allem die Übungen, bei denen ein messbares Defizit besteht oder die für Ihr Training benötigt werden.
- Sprunggelenk mobilisieren: Stellen Sie einen Fuß vor eine Wand und führen Sie das Knie langsam über dem zweiten bis dritten Zeh nach vorn, ohne die Ferse anzuheben. Acht bis zehn Wiederholungen je Seite.
- Hüftrotation im 90-90-Sitz: Wechseln Sie die angewinkelten Beine kontrolliert von einer Seite zur anderen. Stützen Sie die Hände ab, wenn nötig. Sechs bis acht Wiederholungen. Bei Kniebeschwerden führen Sie die Innen- und Außenrotation im Sitzen auf einem Stuhl aus.
- Hüftstreckung im Halbkniestand: Richten Sie das Becken auf, spannen Sie das Gesäß des hinten stehenden Beins an und verlagern Sie den Körper leicht nach vorn. Nicht ins Hohlkreuz ausweichen. Zweimal 30 Sekunden je Seite. Empfindliche Knie werden gepolstert; alternativ wählen Sie einen Ausfallschritt im Stand.
- Brustwirbelsäule rotieren: Legen Sie sich seitlich hin, Hüften und Knie gebeugt. Öffnen Sie den oberen Arm langsam nach hinten, während die Knie übereinander bleiben. Sechs kontrollierte Wiederholungen je Seite.
- Schulterbeweglichkeit an der Wand: Führen Sie die Arme langsam über den Kopf, ohne die unteren Rippen vorzuschieben oder stark ins Hohlkreuz zu gehen. Acht bis zehn Wiederholungen.
- Kraft in der verfügbaren Tiefe: Setzen Sie sich langsam auf einen Stuhl oder eine Bank und stehen Sie kontrolliert wieder auf. Wählen Sie die Höhe so, dass Knie, Hüften und Rücken stabil bleiben. Zwei Sätze mit sechs bis zehn Wiederholungen. Mit zunehmender Sicherheit kann die Sitzfläche niedriger werden.
Der letzte Punkt ist bewusst keine klassische Dehnübung. Er sorgt dafür, dass der gewonnene Bewegungsraum nicht nur auf der Gymnastikmatte existiert, sondern in einer belastbaren Bewegung ankommt.
So kontrollieren Sie den Fortschritt
Beweglichkeit sollte genauso überprüft werden wie Kraft oder Ausdauer. Das subjektive Gefühl „Heute bin ich steif“ ist dafür zu ungenau. Schlaf, Temperatur, Stress und Tagesform verändern dieses Gefühl.
Wählen Sie einen Test, der zur Zielbewegung passt. Beim Sprunggelenk eignet sich der Knie-zur-Wand-Test: Messen Sie den Abstand der großen Zehe zur Wand, bei dem das Knie die Wand noch erreicht, ohne dass die Ferse abhebt. Für die Schulter können Sie eine kontrollierte Armhebung filmen und prüfen, ob Rippen und Lendenwirbelsäule ausweichen. Für die Kniebeuge dokumentieren Sie Sitzhöhe, Stand und Zusatzlast.
Notieren Sie alle zwei bis vier Wochen:
- den erreichten Bewegungsumfang unter gleichen Bedingungen,
- den Unterschied zwischen rechter und linker Seite,
- Schmerz oder Spannungsgefühl während und nach der Bewegung,
- die Qualität der Zielbewegung unter leichter Belastung.
Mehr Zentimeter sind nur dann ein Fortschritt, wenn Bewegungskontrolle und Beschwerden mindestens gleich bleiben. Noch besser ist es, wenn sich die Verbesserung in einer konkreten Aufgabe zeigt: leichteres Treppensteigen, eine stabilere Kniebeuge, ein freier Armschwung oder eine bessere Position am Fahrrad.
Beweglichkeitstraining bei Beschwerden
Schmerz bedeutet nicht automatisch, dass Bewegung verboten ist. Er verändert jedoch die Auswahl und Dosierung. Bei Arthrose ist regelmäßige, kontrollierte Bewegung meist sinnvoll. Ein gereiztes Gelenk sollte aber nicht mit Gewalt gegen einen harten oder schmerzhaften Anschlag gedrückt werden. Nach Operationen gelten die freigegebenen Bewegungsgrenzen des Operateurs und der behandelnden Physiotherapie.
Besondere Vorsicht ist angezeigt bei:
- akuten Verletzungen, Schwellung, Überwärmung oder deutlichem Ruheschmerz,
- neu auftretendem Kribbeln, Taubheit, Kraftverlust oder ausstrahlenden Schmerzen,
- einem blockierenden oder instabilen Gelenkgefühl,
- frischen Operationen und noch nicht belastbaren Narben,
- bekannter Osteoporose mit Wirbelkörperbrüchen, insbesondere bei stark belasteter Wirbelsäulenbeugung und Rotation,
- Schwindel, Sehstörungen oder neurologischen Symptomen bei Halsbewegungen.
In diesen Situationen ist zunächst zu klären, welche Struktur die Bewegung begrenzt und welche Belastung zulässig ist. Die medizinische Trainingstherapie verbindet diese Befundlage mit einem systematischen Belastungsaufbau.
Die häufigsten Fehler beim Beweglichkeitstraining
- Ohne Ziel alles dehnen: Eine pauschale Ganzkörperroutine verbraucht Zeit, trifft aber nicht zwingend das tatsächliche Defizit.
- Schmerz mit Wirksamkeit verwechseln: Aggressive Intensität macht eine Dehnung nicht automatisch effektiver.
- Ausweichbewegungen übersehen: Wer die Arme nur durch ein starkes Hohlkreuz über den Kopf bekommt, hat die Schulterbeweglichkeit nicht verbessert.
- Nur passiv arbeiten: Neu gewonnene Winkel brauchen aktive Kontrolle und Kraft.
- Vor Schnellkraftbelastungen zu lange statisch dehnen: Das kann die folgende Leistung vorübergehend mindern.
- Bei ausbleibendem Erfolg einfach mehr ziehen: Bleibt die Beweglichkeit trotz konsequentem Training unverändert, muss die Ursache neu geprüft werden.
Beweglichkeit im Gesamttraining ab 50
Beweglichkeit ist die funktionelle Grundlage, auf der Kraft, Schnellkraft und Technik aufbauen. Aber eine Grundlage ist noch kein fertiges Gebäude. Ohne Kraft fehlt die Sicherung des Bewegungsraums. Ohne Koordination bleibt er ungenutzt. Ohne stufenweise Belastungssteigerung wird aus Beweglichkeit keine sportliche Belastbarkeit. Und ohne ausreichende Erholung kann selbst ein gut gewählter Reiz in eine dauerhafte Irritation kippen.
Für die meisten Menschen ab 50 ist deshalb folgende Kombination vernünftig:
- zwei bis drei Einheiten Krafttraining pro Woche mit kontrollierter Bewegungsamplitude,
- kurze dynamische Mobilisation vor dem Training,
- zwei bis vier gezielte Beweglichkeitsübungen für tatsächlich eingeschränkte Bereiche,
- aktive Endbereichsübungen, damit die gewonnenen Winkel belastbar werden,
- nach ausreichender Vorbereitung dosierte federnde und schnelle Bewegungen, wenn Alltag oder Sport sie verlangen,
- regelmäßige Erfolgskontrolle statt ewiger Gymnastik nach Gefühl.
Wie Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit und Regeneration zu einem Gesamtplan verbunden werden, zeigt der Wegweiser Leistungsfähig ab 50.
Fazit: Erst Bewegungsfreiheit, dann hohe Leistung
Beweglichkeit wurde über Jahre als etwas betrachtet, das man nach dem Training noch ein wenig pflegt, wenn Zeit und Lust übrig sind. Diese Einordnung ist falsch. Fehlt der benötigte Bewegungsraum, setzt der Körper Kraft auf Ausweichbewegungen. Fehlt die aktive Kontrolle, bleibt passive Reichweite unbrauchbar. Fehlt der schrittweise Aufbau unter Last und Geschwindigkeit, endet die Belastbarkeit genau dort, wo Leistung beginnt.
Beweglichkeit lässt sich auch jenseits der 50 deutlich verbessern. Dafür müssen Sie weder täglich eine Stunde Yoga machen noch jeden Muskel wahllos bearbeiten. Sie müssen erkennen, welcher Freiheitsgrad fehlt, wodurch er begrenzt wird und welche Stufe als Nächstes trainiert werden muss.
Statisches Dehnen kann Bewegungsreichweite gewinnen. Dynamische Mobilisation bereitet sie vor. Krafttraining über eine passende Amplitude macht sie kontrollierbar. Federnde und schnelle Belastungen machen sie schließlich sporttauglich. Diese Reihenfolge erklärt auch, warum ein Patient bereits schmerzfrei sein kann, obwohl der Weg zur vollen Schnellkraft noch lange nicht beendet ist.
Die entscheidende Frage lautet nicht: Wie weit kann ich mich ziehen? Sondern: Ist mein Körper in den benötigten Gelenkwinkeln frei, stark und schnell belastbar?
Ausgewählte Quellen
- Araújo CGS et al. (2025): Sitting-rising test scores predict natural and cardiovascular causes of deaths. European Journal of Preventive Cardiology.
- Bisconti AV et al. (2020): Evidence for improved systemic and local vascular function after long-term passive static stretching. The Journal of Physiology.
- Yamamoto K et al. (2009): Poor trunk flexibility is associated with arterial stiffening. American Journal of Physiology.
- Cavero-Redondo I et al. (2024): Relationship between trunk flexibility and arterial stiffness. Systematische Übersicht und Metaanalyse.
- Ingram LA et al. (2025): Optimising the Dose of Static Stretching to Improve Flexibility. Sports Medicine.
- Ingram LA et al. (2025): Mechanisms Underlying Range of Motion Improvements Following Acute and Chronic Static Stretching. Sports Medicine.
- Alizadeh S et al. (2023): Resistance Training Induces Improvements in Range of Motion. Sports Medicine.
- Zügel M et al. (2018): Fascial tissue research in sports medicine. British Journal of Sports Medicine.
- Suárez-Rodríguez V et al. (2022): Fascial Innervation: A Systematic Review of the Literature. International Journal of Molecular Sciences.
- Michalak J et al. (2021): Myofascial Tissue and Depression. Cognitive Therapy and Research.
- Overmann L et al. (2024): Exploring fascial properties in patients with depression and chronic neck pain. Acta Psychologica.
- Tenberg S et al. (2022): Fascia Thickness Increases Following Eccentric Exercise Leading to Delayed Onset Muscle Soreness. Sports Medicine Open.
- Warneke K et al. (2024): Revisiting the stretch-induced force deficit. Journal of Sport and Health Science.
- Zhang P et al. (2025): Effects of post-exercise stretching versus no stretching on lower-limb muscle recovery and performance. Frontiers in Physiology.
In folgendem Video zeige ich das nochmal etwas deutlicher:
Schmerzen und Beweglichkeit – Wer das verstanden hat ist „schmerzfreier“:
Welche Dehnmethode ist denn die Beste?
Nur der Übersicht halber, es gibt:
- passiv-statisches Dehnen (die bekannteste Dehnung)
- passiv-dynamisches Dehnen (mit Hilfe eines Partners)
- aktiv-statisches Dehnen
- aktiv-dynamisches Dehnen (auch: ballistisches Dehnen)
- postisometrisches Dehnen (auch: Anspannungs-Entspannungs-Dehnen [AED] oder „Contract-Hold-Relax-Stretching [CHRS])
- bewegt-statisches Dehnen
Hier einige Beispiele:
Abb.1: Aktive Dehnung der rechten Beinbeuger-Waden-Gruppe. 90° Grad bei gestrecktem (!) Knie sollten es schon sein. Achtung: Bei der aktiven Dehnung wie hier im Bild zu sehen, wird NICHT mit den Händen am Bein gezogen. Die Dehnung wird mittels der Kraft der Hüftbeuger herbeigeführt. Trainer und Therapeuten würden bei dieser Übung zum Beispiel auch auf die Hüftbeugung im linken Bein achten, Innen- oder Aussenrotation des rechten Oberschenkels u.a.m.
Abb.2: Passive Dehnung der Beinbeuger-Waden-Gruppe. Man muss nicht mit der Nase bis an das Knie kommen, aber seinen Fuß sollte man schon erreichen. Auch hier: das Knie sollte gestreckt sein! Diese Übung ist extrem wertvoll bei Beschwerden die sich im Bein hinten, in der Kniekehle aber auch im unteren Rücken abspielen.



